"Reicher Mann und armer Mann

standen da und sah'n sich an.

Und der Arme sagte bleich:

Wär' ich nicht arm, wärst Du nicht reich."

Bertolt Brecht 

 

 

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„Soyez réalistes – demandez l’impossible“

(Seid realistisch, fordert das Unmögliche)

Parole an einer Seine-Brücke in Paris, im Mai 1968

Utopia 2004

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Freitag-Debatte Utopie konkret  

„Was tun, wenn nichts mehr geht“

und kritisierende und ergänzende Gedanken dazu

Im Jahr 2004 erschienen mehrere Artikel zum Thema „Utopie konkret“ in der Wochenzeitung „Freitag“ *)

Wir haben eine Zusammenstellung vieler damals  dort veröffentlichten Texte gemacht; 
hier der Download.

Es sind  noch weitere Texte zum Themenkomplex aus anderen Quellen hinzugefügt:  Eine deutliche Kritik an der Freitag-Diskussion, eine Kritik am Regionalgeld (aus der Juni 05 Ausgabe von „konkret“., in dieser Dokumentation abgedruckt ab S.56) eine Kurzfassung des Utopieentwurfs von Christoph Spehr, u.a.m., siehe Inhaltsverzeichnis in der Datei.

Weltweit wachsen die Armut und der Reichtum. In den letzen Jahrzehnten noch reibungsloser. Obwohl Wirtschaftsleistung und Güterausstoß von Jahr zu Jahr wachsen, lebt ein riesiger Teil der Menschheit in unwürdigen, menschenverachtenden und mörderischen Verhältnissen. Dies trifft immer mehr auch die Menschen in den Industrieländern: es gibt massive Einschnitte ins soziale Netz (sinkende Löhne und Renten, steigende Gesundheitskosten, sowie zunehmende Erwerbslosigkeit). In nicht allzu ferner Zukunft wird ein sehr großer Teil der Bevölkerung großen Mangel an Grundbedürfnissen (wie Nahrung, Kleidung) leiden.

Zu den Gesellschaftstheoretikern, die sich mit dieser Frage befassten, gehört  auch Edward Bellamy (1850 bis 1898). Bellamy war der Autor von "Looking Backward: 2000 - 1887", der erfolgreichsten Utopie des 19. Jahrhunderts und vielleicht der meistgelesenen Utopie überhaupt. Der Roman erschien in Amerika 1887 und 1890 in Deutschland im Verlag von J.H. W. Dietz, Stuttgart (heue auch bei Reclam erhältlich). Übersetzt wurde er von Clara Zetkin. Er schreibt:

"Der Leser fragt, wie ich denn leben konnte, ohne der Welt irgendeinen Dienst zu leisten? Die Antwort ist, dass mein Urgroßvater eine Summe Geldes aufgespeichert hatte, von welcher seine Nachkommen stets gelebt hatten. Man wird natürlich schließen, dass diese Summe sehr groß gewesen sein müsse, um nicht durch den Unterhalt dreier nichtstuender Generationen erschöpft worden zu sein. Dies jedoch war nicht der Fall. Die Summe war anfänglich groß gewesen. Sie war tatsächlich viel größer jetzt, nachdem sie drei Geschlechter in Trägheit erhalten hatte, als sie zuerst gewesen war. Dieses Geheimnis eines Gebrauches ohne Verzehrung, einer Wärme ohne Verbrennung, erscheint fast wie Zauberei; aber es war nichts weiter als eine schlaue Anwendung der Kunst, welche glücklicherweise jetzt verloren gegangen ist von unseren Vorfahren aber zu großer Vollkommenheit gebracht worden war: der Kunst, die Last des eigenen Unterhalts auf die Schultern anderer zu wälzen. Wer dies erreicht hatte - und es war das Ziel, nach dem alle strebten -, der lebte, so sagte man, von den Zinsen seines Kapitals. Es würde uns zu sehr aufhalten, hier zu erklären, wie die alte Gesellschaftsordnung dies möglich machte; ich will nur bemerken, dass die Zinsen eines Kapitals eine Art beständiger Steuer waren, welche die Geld besitzenden Personen von der Produktion der gewerbtätigen Arbeiter erhoben. Es muss nicht vorausgesetzt werden, dass eine Einrichtung, die so unnatürlich und absurd nach unseren modernen Anschauungen ist, niemals von unseren Voreltern kritisiert worden sei; im Gegenteil, es war seit den ältesten Zeiten das Ziel von Gesetzgebern und Propheten gewesen, den Zins abzuschaffen oder ihn wenigstens zu dem möglichst geringen Fuße herunterzubringen. Alle diese Bestrebungen waren jedoch ohne Erfolg gebleiben, wie sie es natürlicherweise sein mußten, solange die alte soziale Organisation herrschte. Zu der Zeit, über welche ich schreibe, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, hatten die Regierungen meistens den Versuch aufgegeben, diesen Gegenstand überhaupt zu regeln."

Auch heute dominiert der Mechanismus, den Bellamy vor über 100 Jahren als gesellschaftszerstörend entlarvte. 
Der Berliner Ökonom Prof. Elmar Altvater schrieb:

"Die realen Zinsen und die daran gekoppelten Renditen sind wesentlich höher als die 0,8 Prozent des realen Wachstums. Jeder Zinstermin bringt den Geldvermögensbesitzern einen Einkommensschub, der über die Zuwächse der Löhne und Gehälter (und der daran gebundenen Renten) rasant hinausgeht. Gleichzeitig gelten die Vermögenseinkünfte als tabu. ... Wie aber soll die Staatsverschuldung in Grenzen gehalten werden, wenn man nicht zugleich die andere Seite der Bilanz, die privaten Vermögen nämlich, begrenzt?"

Nicht die Abschaffung des Zinses kann allerdings die Lösung sein. Auch wohl (eher) nicht die Abschaffung des Geldes, durch die Bellamy in seinem Roman der Geldproblematik zu entkommen versucht. Siehe dazu u.a. Artikel von

Peter Bierl, Völkisches Empfinden -Globalisierungskritik von Attac aus dem braunen Sumpf, aus der aktuellen „konkret“, in dieser Dokumentation S. 56 und
Ulrich Busch, Was die Welt im Innersten zusammenhält- Zur Abschaffung des Geldes

Konsens könnte sein: 
wir brauchen kein Geld, das nur wenigen nützt und über die Mehrheit herrscht, sondern ein Geld, das allen dient und nicht herrscht.

Außerdem, so Veronika Bennholdt-Thomson, 
sollte immer ein anderer Aspekt mitdiskutiert werden:

„Wir verfügen über einen alltäglichen, lokalen Reichtum, den es zu verteidigen gilt. Die neoliberale Globalisierungspolitik zielt demgegenüber darauf, immer weitere Subsistenzbereiche (Versorgungswirtschaft) maximierungswirtschaftlich zu kommerzialisieren und einer anonymisierten Marktwirtschaft einzuverleiben.“

Die Reichen reicher, die Armen zahlreicher: das kann nicht mehr von uns geduldet werden.

Wir brauchen eine andere Politik. Wer sie will, muss aus der Zuschauerdemokratie heraustreten. (siehe dazu im Anhang aus aktuellem Anlass die Erfurter Erklärung von 1997). Ich selbst meine mit „anderer Politik“ allerdings nicht Parteipolitik. Wir brauchen eine außerparlamentarische Bewegung. (siehe dazu die letzte Seite des Downloads, damit hat diese Dokumentation 68 –sic!- Seiten).

Utopien sind Aufforderungen. 
Seid realistisch! Macht das Unmögliche!  

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*)  ... die wir  in diesem Zusammenhang gerne für ein Abo empfehlen. 
„Freitag“, Die Ost-West-Wochenzeitung,  hatte ja auch die Medienpartnerschaft für unsere Bielefelder Reichtumstagung 2003 „Des Reichtums globale Spielregeln – Für ein Programm zur Bekämpfung des Reichtums“  übernommen.

  

 

 

 

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Stand: 30. März 2011